Das KloHäuschen Geburtstagsfest …
… dieses Jahr im kleinen Kreis

Geburtstagsfest
Samstag, 11. Februar 2011 . 19 Uhr
Mit
Dr. Cornelia Oßwald-Hoffmann
Kuratorin der 1. KloHäuschen Biennale 2012
Das KloHäuschen hat wieder Geburtstag – nur ist die Zeit knapp für eine Party, denn ein Großereignis steht bevor: Die Erste KloHäuschen Biennale 2012
Und deshalb feiern wir dieses Jahr im kleinen Kreis, nämlich im Filmset, in dem die erste Ankündigung der KloHäuschen Biennale aufgezeichnet wird. Unser Gast ist die vom KloHäuschen für die Biennale erwählte Kuratorin Dr. Cornelia Oßwald-Hoffmann. Und sie wird einen kleinen Einblick geben in Konzept und Thema ihrer internationalen Kunstausstellung „Biennale for one“.

Und: Geburtstagskuchen gibt es trotz der Arbeit – und Glühwein mit und ohne Alkohol. Und Stühle auch. Warme Decken bringt ihr mit!
Die Rede
Biennale for One
Dr. Cornelia Oßwald Hoffmann

Das KloHäuschen veranstaltet in diesem Jahr seine erste Biennale. Da es üblich ist, dass Biennalen durch Reden angekündigt werden, die der von Direktorium bestellte Kurator hält, um die Veranstaltung vor einem breiteren Publikum zu bewerben, werden wir heute den KloHäuschengeburtstag mit einer ebensolchen Rede feiern.
Die 1. KloHäuschen Biennale ist anders als die auf Massenbetrieb ausgelegten Biennalen in Venedig, São Paulo, Paris, Sydney, Istanbul, Berlin, Prag, Moskau, Shanghai, etc., eine Biennale For One, d.h. eine Biennale für jeweils einen Betrachter. Angemessen an die räumlichen Möglichkeiten des Ausstellungsortes KloHäuschen reduziert und konzentriert sich diese Biennale auf den individuellen und intensiven Kontakt von einem Betrachter mit einzelnen Arbeiten ausgesuchter nationaler und internationaler Künstler.
Nachdem wir festgestellt haben, wir haben für den heutigen Abend die wesentlichen Zutaten für eine Ankündigungsveranstaltung einer Biennale., sollten wir darüber nachdenken, ob wir mit diesen tatsächlich eine Biennale zustande bringen können.

Was zeichnet denn eine Biennale aus, außer dass sie alle zwei Jahre, wie schon ihr Name sagt, stattfindet.
Die Geschichte der Biennale reicht in das Jahr 1893 zurück, in dem der Stadtrat von Venedig beschloss, im zweijährigen Rhythmus eine umfassende Ausstellung der italienischen Kunst zu veranstalten. Man könnte also sagen, die Geschichte der Biennale beginnt mit einem raffinierten Schildbürgerstreich, der eine geschickte Werbeveranstaltung hervorbrachte, um noch mehr der neu entstandenen Touristenströme auf Venedig zu kanalisieren. 1893 befinden uns an der Schwelle zum Massentourismus. Reisen wird durch die neue, sichere, kostengünstige und zeitsparende Bahn für jedermann möglich und gleichzeitig ist durch die fortschreitende Industrialisierung eine neue bürgerliche Masse entstanden, die ihr Recht auf Freizeit in der Reise als Selbstzweck anschaulich dokumentiert.
1893 sind wir in den Hochzeiten von Baedeckers Sternchen und Venedig, das seine politische und wirtschaftliche Vormachtstellung im Mittelmeerraum längst eingebüßt hat, war jedes Mittel recht um sich als lebendes Museum unter den Top Ten der touristischen Ziele Italiens zu halten. Der besonders geschickte Schachzug ein Markenprodukt wie Venedig mit einem zweiten wie einer ersten umfassenden Kunstschau ganz Italiens zu bewerben, ging auf. Mit 224.000 Besuchern war die erste Biennale di Venezia, die 1895 abgehalten wurde, ein großer Publikumserfolg, der sich durchaus mit anderen Massenkunstveranstaltung, wie mit der Mutter aller Großausstellungen dem Pariser Salon messen konnte.
Die Biennale orientierte sich aber nicht mehr an diesem Vorbild, sondern an der weitaus publikums- und massenwirksameren Weltausstellung. Diese ist ein legitimes Kind der Industrialisierung, Verstädterung und Verbürgerlichung. Durch sie kommt mit dem Wirtschaftsfaktor auch der Wettbewerbsfaktor ins Spiel. Die ersten Weltausstellungen vereinigten die technischen Neuerungen der gesamten Welt noch unter einem Dach. Mit dem Fortschreiten und der Spezialisierung der technischen Entwicklungen konnte ab 1867 (Paris) der Platzbedarf nicht mehr gedeckt werden und man errichtete weitere ländereigene Pavillons. Das Prinzip von Konkurrenz und Wettbewerb hatte sich damit auch optisch manifestiert. Ein Prinzip das auf die Biennale übertragen wurde. Die Weltausstellungen waren extreme Publikumsrenner. Dass sie so überaus erfolgreich bei einem breiten Publikum waren, lag vor allem daran, dass sie die populäre Idee von technischer Faszination mit einem breiten Angebot an Amusement verbanden. Oft wurden Erlebnisparks, Schauarchitekturen und Völkerschauen eingerichtet, hier spielt auch Kunst immer wieder eine Rolle.
Was schließen wir daraus? Eine Biennale ist originär mit Massenbetrieb und internationalem Vergleich verbunden. Sie ist ein stark wirtschaftlich orientierter Unterhaltungsbetrieb, der seine Selbstbestätigung aus der Masse der Besucher zieht. Darüberhinaus dient sie der Selbstdarstellung der ausstellenden Stadt, die mit dieser Veranstaltung der Superlative zeigt, was sie sich sogar im weichen Wirtschaftsfaktor Kunst leisten kann. Die Biennale dient dem konjunkturellen Aufschwung, der Werbung und dem Tourismus. Sie ist eine bürgerliche, urbane Veranstaltung, die für den Ort wirbt, an dem sie stattfindet.

Wie steht es mit unserem Ort. Die anderen Zutaten hatte sich ja schon als passend erwiesen, wenn wir davon ausgehen, dass die Biennale For One die Reduktion der Reduktion auf das Wesentliche ist, sozusagen der Mikrokosmos einer Biennale. Wir haben ein Direktorium, einen Kurator, ein Publikum und jetzt auch eine Rede und wir haben einen Ort, der sich nicht als untergeordneten Teil einer großen Stadt begreift, sondern als eigenes Terrain, sozusagen als Hauptstadt von KloHäuschenland. Erst jetzt macht eine Biennale: Venedig, São Paulo, Paris, Sydney, Istanbul, Berlin, Prag, Moskau, Shanghai, KloHäuschen Sinn. Das KloHäuschen ist ein realer Ort, der durch seine Ernennung zum Kunstraum Teil eines künstlerischen Konzeptes wurde. Es ist also nicht einfach ein Off-Space, der dem On-Space die Stirn bietet, diesen aber in seiner räumlichen Auffassung häufig nachahmt (white cube), sondern formuliert einen speziellen, künstlerischen Umgang mit dem Raum, der eine Umgestaltung und Neutralisierung des Vorgefundenen ausschließt. Ganz im Gegenteil, das Realitätsbüro begreift diesen, das Herrenpissoir, als Readymade ganz im Sinne Duchamps (trifft sich ganz wunderbar mit seiner Fountaine, auch Pissior). KloHäuschen heißt KloHäuschen und ist ein KloHäuschen. Wie Venedig ist der Ort ist mit sich selbst identisch. Während jede Galerie, jedes Museum, jede Messehalle sich entortet, d. h. seinen Lokalkolorit neutralisiert, um so der übernationalen Kunst zu dienen, dient KloHäuschen in erster Linie sich selbst. Seine Entortung besteht allein darin, dass es nicht mehr dem Zweck aller Zwecke dient, für den allein es entstanden ist, sondern sein Raumvolumen ungefragt als Ort für Kunstereignisse aller Art zur Verfügung stellt. Dabei ist es entsprechend seinem ursprünglichen Zweck sperrig, widerborstig und verbreitet den herben Charme eben eines Klohäuschens. Zu keinem Zeitpunkt seines Besuches kann der Betrachter so tun, als wäre er nicht in einem ehemaligen Pissior. Baedeckers Sternchen haben hier also keinerlei Chancen, da ihnen die Plattform dafür – der gediegenen Hintergrund vor dem sich Kunst zu ereignen hat, fehlt. Wenn ich aber davon ausgehe, dass der Rahmen, in dem sich eine Biennale ereignet, das Selbstverständnis des Ortes ist, an dem sie stattfindet, dann kann man auch das KloHäuschen als eine gelungene Ortswahl ausweisen.

Nachdem wir auch einen passenden Ort haben, kommen wir zu unserer letzten entscheidenden Zutat, die ich für eine ernsthafte Biennale brauche: der Kunst. Historisch betrachtet, dient sie zwar als Anlass für die Massenveranstaltung, ist aber häufig nur das Feigenblatt, das die vornehmlich touristischen Ziele (auch in Mode gekommener Kunsttourismus) nur notdürftig bedeckt. Wie steht also das KloHäuschen zu der Kunst, die es beheimatet? Erst einmal gar nicht. Dem Pissoir ist es egal, was wer in ihm treibt. Daran ändert auch die Biennale nichts und will auch nichts ändern. Sie nimmt das KloHäuschen als gegeben an und sieht sich selbst als Gast in dessen Raumkonzept, das selbst ein work-in-progress ist, an dem jede Ausstellung, Performance, etc. weiter arbeitet. So betrachtet, versteht sich die Biennale For One als Konzept im Konzept.
Die Verbindung zwischen den zwei Konzepten stellt die künstlerische Leiterin durch die Einladung der Kuratorin her. Der Kurator/Kuratorin einer Biennale wird nicht nur als Verwaltungs-, Organisations- und Repräsentationseinheit ausgewählt, sondern hat auch die Aufgabe ein Überkonzept für die gesamte Veranstaltung zu entwickeln, damit diese unverwechselbar und griffiger bewerbbar wird. Er wählt die Künstler und Kunstwerke passend zu seinem Konzept aus und die Künstler haben die Aufgabe mit ihren Werken für dieses Konzept verfügbar zu sein, womit sie ihr Auserwähltsein quittieren. Man könnte die Biennale also als eine Kette von Mißbräuchlichkeiten aller Art verstehen. Oder als ein abgekartetes Spiel, ein Geschäft, an dem alle verdienen oder zumindest verdienen wollen.

Um diesen circulus vitiosus zu durchbrechen, erschöpft sich die Biennale For One nicht allein in einer Analyse und Miniaturisierung der großen Form, sondern fordert von den Künstler kein fertiges Kunstwerk ein und gibt kein übergreifendes inhaltliches Thema vor. Sie erklärt die Biennale zu einem Ort, an dem die künstlerische Arbeit an sich beheimatet wird und sieht sich selbst als ein repository of knowledge and art. Das Repositorium (Lager) definiert sich als ein verwalteter Ort zur Aufbewahrung geordneter Dokumente, die öffentlich und allgemein zugänglich sind. Unser Repositorium sammelt und zeigt filaretische Projekte. Das sind künstlerische Projekte, die momentan nicht realisiert werden können, die nie mehr realisiert werden können, da z.B. der Ort oder die Ausstellungsgelegenheit, für die sie konzipiert wurden, verschwunden sind, oder die nie für eine Realisierung gedacht waren, ähnlich der Idealstadt Sforzinda, die der italienische Architekt Antonio Averlino, gen. Filarete in seinem von 1460 bis 1464 in 25 Bänden entstandenen Trattato d’architettura entwickelte. Obwohl Filarete als praktizierender Architekt realistisch einschätzen konnte, dass ein Bau seiner Idealstadt nicht in Frage käme, plante er seinen urbanen Raum detailliert, realistisch, nach den Erfordernissen urbanen Arbeitens und Wohnens bis ins Detail. Während die anderen großen Architekten der Renaissance wie Brunelleschi, Alberti und Palladio die Architekturgeschichte neu schrieben, wurde Filarete mit seinem Idealplan der Vater aller Städteplanung. Und das gelang ihm ohne seine Pläne jemals auszuführen. Seine Planungen mussten nicht erst Realität werden um Einfluss auf die Realität zu nehmen.
Die Biennale for One dient als erste Sichtbarmachung des Repository und zeigt keine fertigen Arbeiten, sondern greift wie mit einer großen Schöpfkelle mitten in einen Prozess und bringt das zum Vorschein, was gerade momentan Stand der Dinge ist. Sie zeigt sozusagen ephemere Projektzustände, Trailer für noch zu drehende Filme, die möglicherweise nie zustande kommen werden, die aber durch ihre bloße Existenz ein Eigenleben führen, das außer in der Schublade, im Atelier oder im Kopf des Künstlers keine Zugehörigkeit haben. Anders als ein Archiv oder ein Museum sammelt das Repository die Ideen zu Werken, die noch nicht realisiert sind. Werden sie realisiert, verlassen sie das Repository für immer. In diesem Lager, das wie eine Zwischenablage funktioniert, sind die Werke in Warteposition gelagert.
Dieses Repositorium bricht eine Lanze für den Wert der künstlerischen Arbeit an sich. Es setzt sich ein für ein speziell künstlerisches, nicht sprachliches Denken und Arbeiten und wendet sich gegen die seit spätestens dem Gildenwesen des Mittelalters zugehörige Produktorientierung. Diese stille Übereinkunft zwischen Künstler und Kunstmarkt führt dazu, dass die künstlerische Entwicklungsarbeit, anders als die des Forschers oder Ingenieurs erst gar nicht in den Verdacht gerät, honoriert werden zu müssen. Wie bei Kleidung oder Schuhen muss der Künstler seine Arbeits- und Materialkosten ins Endprodukt einkalkulieren. Kann er es nicht absetzen oder keinen angemessenen Preis erzielen, arbeitet er defizitär. Dazu ist er allein schon dadurch verurteilt, dass er nicht den gleichen Massenumsatz wie Schuhhersteller erzielen kann. So sieht die Realität eines innovativem Künstlers meist so aus, dass er sich sein Geld für Lebensunterhalt und Kunst in kunstfernen Bereichen (auch Lehre oder Kuratierung) verdienen muss. Er muss sich seine Kunst leisten können. Es sei denn, er setzt auf Selbstwiederholungen gut gehender Produkte oder gehört als einer der top hundred zu den begehrten Luxusgütern.
Das Repository ist ein Lager, dessen bloße Existenz schon eine Forderung beinhaltet. Es formt eine Institution, die die künstlerische Arbeit als eigenen Wert vergleichbar einer wissenschaftlichen Forschungseinrichtung sichtbar macht. Wie in jeder anderen Forschungseinrichtung werden hier vorläufige Ergebnisse gelagert.
Im Gegensatz zu fertigen Kunstwerken bieten diese filaretischen Projekte die gesamte Bandbreite der Überlegungen und Materialsammlungen, die ein künstlerischer Werkprozess hervorbringt und zwar noch ohne eine Fokussierung auf eine Lösung, die durch die Realisation notwendig wird. In der endgültigen Realisation müssen viele inhaltliche und formale Entscheidungen getroffen werden, die die Ideen- und Materialsammlung in einer Form bündelt, aber auch auf diese reduziert. Alle anderen Überlegungen und Vorstufen gehen letztlich verloren oder bleiben nur im Kopf des Künstlers. Das Repository bietet also eine weit größere Spannbreite und mehr Potential als das fertige Kunstwerk und bietet eine Plattform an, an dem der Künstler seinem eigenen Konzept gegenübertreten kann.
Um diesen Dialog zu öffnen veranstaltet das Repositorium eingeladen vom realitaetsbüro die Biennale For One zu der wir sie im hoffentlich warmen Mai ganz herzlich einladen.




KloHäuschen Biennale …
Diese Veranstaltung bereitet die Erste KloHäuschen Biennale vor. Die Biennale findet dann seit 2012 regelmäßig statt:
7. KloHäuschen Biennale
DIE RÄUME
13. Juli – 03. Aug 2024
6. KloHäuschen Biennale
GRAND TOUR
10. Juni – 03. Juli 2022
5. KloHäuschen Biennale
in der KH-KUNSTHALLE
10. Juli – 14. Aug 2020
4. KloHäuschen Biennale
VON OTTOBRUNN LERNEN
30. Juni – 29. Juli 2018
3. KloHäuschen Biennale
Biennale der vernachlässigten Lebensformen
02. – 09. Juli 2016
2. KloHäuschen Biennale
TRANSFER
25. Okt – 02. Nov 2014
1. KloHäuschen Biennale
Biennale for One
12. Mai – 10. Juni 2012
KH #010






